12 Ein Ausflug in die Pflanzen- und Tierwelt des Bayerischen Waldes

1969 stand an dieser Stelle ein Stadtspaziergang in Straubing auf dem Programm. Gewiss, Straubing ist ja nicht nur Gäubodenstadt, sondern irgendwie auch ein Vorbote des Bayerwaldes: Ausgangspunkt des Baierweges, zahlendes Naturparkmitglied, Hochschulstadt…Doch wir sind wahrscheinlich zu verwöhnt, haben zu viele Jahre in den Höhen und Tiefen des Bayerwaldes verbracht. Straubing gehört für uns, anders als es der Münchener Walter Pause empfand, nicht mehr richtig zum Bayerwald dazu. Daher möchten wir jetzt diese Lücke nützen, um tiefer einzutauchen in den Bayerwald. Nicht nur in seine Landschaft und Kultur, sondern auch in  seine Pflanzen-  und Tierwelt.

Hauptamtliche Naturschützer mögen nur die Besonderheiten, die geschützten Pflanzen, erwähnen. Uns interessiert aber der Wegesrand als solcher. Gebremst werden wir nur dadurch, dass wir ja ein Wanderbuch schreiben, keine Abhandlung über Bayerwaldbotanik. Ist uns eh recht. Wissenschaftlich gesehen, sind wir viel zu praktisch veranlagt.

Also: Die häufigste nicht baumartige Pflanze des Bayerwaldes ist wahrscheinlich die Weiße Pestwurz. Sommerliche Wanderer kennen nur ihre großen Blätter, die sie etwa Mitte April bekommt, wenn sie verblüht. Nicht zu verwechseln sind diese mit denen der gelb-glänzend blühenden Sumpfdotterblume. Deren Blätter sind dunkler, weniger gezahnt. Andere – lila – Frühlingsblüher erinnern uns ein bisschen an die allgemein bekannten Glockenblumen. Nur: Ihre Blüte erscheint etwas ausgefranst. – Daran erkennen wir die Soldanelle. Wer Glück hat und bereits im Frühjahr an den Arberseen spazieren gehen kann, stößt am Wegesrand auf eine Blume, deren weißes Blatt schlangenförmig einen mittelgroßen Kolben umhüllt. Es ist die Schlangenwurz oder Drachenwurz. Ein kleinerer, nicht umhüllter weißer Kolben mit herzähnlichem Blatt wird Schattenblümchen genannt. Ebenso besonders interessant anzuschauen sind der Ackerschachtelhalm, der aussieht, wie ein brauner Spargel, oder der Waldschachtelhalm, der uns auf dem ersten Blick an ein kleines Nadelbäumchen erinnert. Doch man beachte seinen Halm: Er ist grün und scheint aus mehreren Teilen zusammengesetzt zu sein.

Besonders auffällig im Sommer sind natürlich die Fingerhüte. – Hoffentlich erkennt die giftigen Gesellen ein jeder! Auch die rosafarbenen Schmalblättrigen Weidenröschen sind außerhalb des Bayerischen Waldes bekannt: Der eine oder andere nennt sie auch völlig unwissenschaftlich „Schotterblume“, denn sie bevorzugen vor allem sonnige, kahle Flächen. Nicht-Bayerwäldlern weniger bekannt sind die lilafarbenen Alpen-Milchlattiche. – Gut erkennbar an ihren pfeilartigen Blättern. Stolz sind vor allem alle, die sich seit vielen Jahren besonders für den Schutz des bedrohtesten Berges des Bayerwaldes, des Großen Arbers, einsetzen, natürlich auf den Ungarischen Enzian, der sich – Dank intensiver Schutzmaßnahmen – am Arbergipfel seit etwa 2010 wieder deutlich ausbreitet. Gesellschaft erhält er durch den Gelben Enzian – eigentlich eher ein bayerwalduntypischer Geselle, aber Lieferant der für die berühmten Enzianschnäpse verantwortlichen Wurzel.

Erwähnt werden muss in diesem Zusammenhang natürlich auch noch ein kulinarisch ganz besonderes Kraut: Das Aufrechte Fingerkraut, Potentilla erecta, mit dessen Wurzel viele in Form des Blutwurzschnapses Bekanntschaft gemacht haben. Schon allein, um Missverständnissen vorzubeugen, wollen wir Nicht-Bayerwäldler darauf hinweisen, dass die ab Anfang August massenweise an Bachrändern und anderen feuchten Stellen rosablühende – hin und wieder sogar mannshohe – Blume im Woid gar nicht gerne gesehen wird: Das Indische Springkraut, das ursprünglich aus dem Himalaya stammt, kam Ende des 19. Jahrhunderts als Zierpflanze nach England, später nach Resteuropa und wird heute – ebenso wie die bambuswaldähnlichen Staudenknöterichbestände – vor allem von Naturschützern als störend – von manchen gar als „Bedrohung“ – empfunden, da es selteneren, kleineren Pflanzen das Licht wegnimmt und sie dadurch verdrängt. - Als Urlauber, der seine Ehegattin mit einem selbstgeflückten Blumenstrauß erfreuen will, sollte man wohl lieber kein Indisches Springkraut pflücken….Es sei denn, man möchte für den Rest des Tages örtlichen Gesprächsstoff bieten…  

Tiermäßig müssen wir natürlich das Auerhuhn erwähnen. Zu seinem Schutz wurde in manchen Bereichen – im Nationalpark, im Arber- und im Dreisesselgebiet – für den Winter und fürs Frühjahr ein Wegegebot erlassen. Noch weniger rosig sieht es außerhalb des Nationalparks für Luchse aus: Obwohl die Tiere streng geschützt sind, werden sie von Jägern illegal vergiftet oder erschossen. Die Täter zu ermitteln, ist schwierig. Man hält in der Jägerschaft zusammen…Hin und wieder leiden auch Fischotter unter dem Futterneid der Menschen, dabei ist es so einfach, Fischteiche vor den Wassermardern zu schützen…Wenn man nur will! Auch Wölfe wurden – vereinzelt – im Bayerischen Wald schon gesichtet. Doch keine Angst! Genauso wie Luchse, halten sich auch Wölfe normalerweise von Wanderern fern. Und wir brauchen uns nicht belasten mit Märchen, mit Gerüchten, sondern können getrost genießen, beobachten, einatmen…!  

Zahlreich vertreten sind – wie anderswo auch - Biber und Wildschweine. Natürlich sorgen sie auch hier für Diskussionsstoff, selbst, wenn sie sich, wie beispielsweise der Biber im Naturschutzgebiet „Großer Arbersee“, einen Platz zum Leben ausgesucht haben, in dem die Natur Vorrang haben sollte.

Mit etwas Glück hört man zur Brunftzeit im Herbst sogar Hirsche röhren, die nicht nur in den zahlreichen Wildgattern gut zu beobachten sind. Als erfahrene Autofahrer möchten wir unseren Wanderfreunden noch den Tipp geben, vor allem morgens und abends besonders „vorausschauend“ zu fahren und immer die Straßenränder im Blick zu behalten. Wildwechsel gehören im Bayerwald zur Tagesordnung, die Zeitungen sind – so scheint es manchmal – voll davon.